Er schreibt sich regelmäßig den Frust, die Sorgen, seine Gedanken von der Seele hier auf FluxFM: Journalist Christian Stahl. Heute geht sein Brief an unseren Bundes-Außenminister Heiko Maas und den aktuellen Rassismus in Coronazeiten.

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Lieber Heiko Maas,

wir müssen reden, über Corona, Europa und über die Gefahr eines neuen Virus. Ein perfiden und raffinierten Virus. Im Grenzgebiet zwischen Frankreich, Deutschland und Luxemburg, da wo sie aufgewachsen sind, habe ich diesen neuen Virus live erlebt. Ich nenne ihn Corona-Rassismus. Er brach aus, nachdem Sie Luxemburg vor 2 Wochen zum Risikogebiet erklärten und vor Reisen warnten. Wir beide wissen: Reisewarnungen sind eigentlich für Kriegsgebiete gedacht und das Ansteckungsrisiko ist in Partyhochburgen und an überfüllten Stränden hoch. 

Äh? Luxemburg?

Lieber Heiko Maas,

ich war die komplette letzte Woche in Luxemburg. Schon am Flughafen konnte ich mich freiwillig und kostenlos testen lassen. 2 Tage später kam eine SMS: Negativ. So einfach kann es gehen. Seit mehr als zehn Jahren coache und berate ich im hochmodernen Großherzogtum, das so sauber und sicher ist, dass es fast langweilig ist. Anders als in Berlin tragen in Luxemburg alle Masken, desinfizieren sich immer und überall die Hände, Hygiene- und Abstandsregeln werden so penibel eingehalten, dass ihre Reisewarnung absurd wirkt. Die Neuköllner Hasenheide, die Ostsee, der Schlachthof von Tönnies- das sind Risikogebiete. Nicht Luxemburg. Die höheren Fallzahlen kommen auch daher: Luxemburg testet längst flächendeckend. Wir nicht. 

Am letzten Tag meiner Reise hat mich der neue grüne Minister für innere Sicherheit, Henri Kox, mit in die Grenzregion an der Mosel genommen, die Grenze ist hier unsichtbar, der Dialekt fast gleich. Aber seit Ihrer Reisewarnung werden Autos mit Luxemburger Kennzeichen von deutschen Aldi-Parkplätzen verjagt, Nachbarn werden beschimpft und beleidigt. Beim beliebten deutschen Metzger steht auf dem Schild vor der Tür mit den Angeboten der Woche über „500 Gramm Bratwurst“ jetzt:

„Luxemburger unerwünscht“. Mir wird schlecht, als ich das lese.

Natürlich haben Sie das nicht gewollt, genauso wenig wie die anderen europäischen Außenminister, die Luxemburg zum unerwünschten Nachbarn erklärt haben. Aber durch Ihre Entscheidung ist die Angst vor dem Virus zur Angst vor einem Volk mutiert. Weil das fremde Volk - angeblich – nicht so „gesund“ ist wie unseres. Fällt Ihnen was auf?

Lieber Heiko Maas,

was noch schlimmer ist: Sie und Ihre EU-Kollegen nehmen den neuen Rassismus billigend in Kauf, um konsequent und kompromisslos zu wirken. Erst Asiaten, dann Italiener, Schweden, inzwischen werden Franzosen im Saarland mit Eiern beworfen und als „dreckige Franzosen“ beschimpft. In Deutschland reicht das „falsche“ Nummernschild aus dem falschen Landkreis. Anstatt dagegen zu wirken, befeuern sie mit Ihren pauschalen Reisewarnungen Ressentiments und Fremdenhass. Ja, es kann richtig sein, Virusherde einzudämmen, in dem man Gemeinden dicht macht, aber definitiv nicht, indem Sie ganze Länder der Gefahr aussetzen, diskriminiert zu werden. 

Rassismus, sagt das Lexikon, ist ein Diskriminierungsmuster und Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Wir könnten auch sagen „gesundheitlicher Machtverhältnisse“. Europa kann besser. Seien Sie mutig, lieber Heiko Maas, und heben Sie als ersten Schritt die Reisewarnung für Luxemburg wieder auf. 

Mit europäischen Grüßen 
Ihr Christian Stahl